veröffentlicht in Chile, Südamerika

“Das schönste Stückchen Stein auf diesem Planeten”

Wir stehen hoch oben auf Deck der Evangelistas, einer der Navimag-Fähren auf der Patagonien-Route, als wir nachmittags in den Hafen von Puerto Natales einlaufen. Das kleine Städtchen liegt uns zu Füßen, etwas einsam mitten in abgeschiedener Landschaft. Es ist Ausgangspunkt für Touren in den als der schönste chilenische Nationalpark bekannte Torres del Paine.

Wir kommen im Hostel Casa Cecilia unter. Werner, der Besitzer des Hostels, ist vor einigen Jahren aus der Schweiz hier her gekommen. Er hat nicht nur die Tour in den Nationalpark perfekt organisiert, sondern auch unsere spontane Planänderung, am Ende des Parkaufenthaltes einen Abstecher nach Argentinien zum Perito Moreno Gletscher zu unternehmen. Doch bevor wir überhaupt in den Nationalpark aufbrechen können, müssen wir noch im örtlichen Polizeipräsidium vorbeischauen. Marité hat den kleinen weißen Zettel verloren, den wir bei der Einreise am Flughafen erhalten haben. Was für ein Schreck wenige Stunden vor der Abfahrt. Ohne ihn darf man Chile nicht verlassen. Wir können uns schlimmeres vorstellen, fürchten aber, dass unser Trip nach Argentinien ins Wasser fallen könnte. Die Aufregung ist jedoch unbegründet, denn der Polizist öffnet kurzerhand eine Schublade – voll mit Ersatzformularen. Kritzel, Stempel, Unterschrift, fertig! Das scheint wohl öfter zu passieren.

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Keine 5 Minuten später stehen wir schon im Supermarkt um den Proviant für den Parkaufenthalt einzukaufen. Denn vor Ort gibt es außer wenigen überteuerten (und nicht wirklich zu empfehlenden) Snackbars und Restaurants nichts. Die Zeit reicht für ein wenig Sightseeing und Abendessen, bevor es früh am nächsten Morgen in den 130km entfernten Park geht. Den Sonnenaufgang genießen wir bei einem Stopp mit heißem Kaffee nahe der argentinischen Grenze. Ab hier werden die Pisten sehr staubig und schottrig. Die Scheibe des Busses ziert ein langer Riss. Der Fahrer fährt die Strecke wohl nicht zum ersten Mal, denn er fährt wegen des Staubes fast blind. Die Anmeldung im Park ist schnell erledigt. Wir beschließen, gleich loszuwandern, anstatt ins Refugio zu fahren. Zu gut ist das Wetter und zu verlockend die Aussicht auf die schroffen Bergmassive und grün-blauen Gletscherseen. Wir wollen einfach nur raus! Natur pur erleben!

Das 3-Tages-Gepäck inklusive Proviant müssen wir also wohl oder übel schleppen, vorbei an den Stromschnellen des Rio Paine in Richtung des Lago Nordenskjol. Von seinem Ufer aus haben wir einen fantastischen Blick auf die zweifarbigen Cuernos, die Hörner. Das türkisfarbene Wasser, die schroffen Felsen – einfach atemberaubend. Wir sind überwältigt von so viel Schönheit. Es zahlt sich aus, dass wir früh aufgebrochen sind. Denn kaum verlassen wir das Ufer des Lago Nordenskjol, ziehen bedrohliche Wolkenvorhänge über die Berge. Der Wind wird zunehmend stärker, das Wasser der Seen kräuselt sich. Staub und Gischt fliegen uns ins Gesicht, wenig später Regen. Das Anziehen von Regencapes wirkt bei manchem schon fast abenteuerlich! Wir finden Unterschlupf in einer kleinen Hütte. Unser Guide Rubario ist erst 27, arbeitet schon seit 10 Jahren im Park, kennt die plötzlichen Wetterumschwünge. Rät uns erst mal hier eine Wetterbesserung abzuwarten. Hier erzählt er uns, dass Ende letzten Jahres ein Großteil des Parks verbrannte. Mh, das erklärt auch die vielen verkohlten Bäume. Zwar haben sich viele Pflanzen – vor allem in Bodennähe – wieder erholt, aber die vollständige Regeneration der Sträucher und Bäume wird wohl noch 50 Jahre dauern. Auslöser des Waldbrandes war ein Tourist, der sein Toilettenpapier verbrennen wollte. Seitdem stehen überall Hinweisschilder, dass das Toilettenpapier vergraben werden sollte.

Der Regen hat aufgehört. Zeit für unser nächstes Ziel: der Aufstieg auf den Mirador Pehoé. Rubario drückt mächtig aufs Tempo. Wir wollen vor dem nächsten Regenschauer oben sein. In Rekordzeit und völlig verschwitzt erreichen wir den Aussichtspunkt. Ein entgegenkommender Guide hält uns für verrückt, bei diesem Wind auf den Gipfel zu wollen. Ruft uns zu, “está loco”, er sei verrückt. Wir grinsen. Die Anstrengung lohnt sich! Von hier oben aus haben wir eine tolle Rundumsicht auf die türkisfarbenen Seen und die Cuernos. Das Wetter schwankt zwischen Sonnenschein und leichtem Regen. Über dem Felsmassiv hängen dicke, dunkelgraue Wolken und regnen sich ab. Es weht ein extrem heftiger Wind. Trittsicherheit ist gefragt. Und immer wieder hört man: “Mann, ist das traumhaft!” Jeder einzelne erlebt hier seinen eigenen Glücksmoment!

Früh am Abend erreichen wir unsere Unterkunft, das Refugio Torre Norte. Zimmeraufteilung, “ankommen”, auspacken, ausspannen. Am besten geht das in der gemütlichen Hängematte, die vor dem befeuerten Ofen aufgespannt ist. Einfach riesig – nicht nur das Gefühl die Beine hochzulegen – sondern auch die direkte Aussicht auf die Torres, das Ziel des nächsten Tages.

Nächster Morgen:  nach einem reichhaltigen Frühstück geht es mit gepackten Rucksäcken los in Richtung Torres. Es ist noch kühl. Unser Guide hat draußen in seinem Zelt übernachtet. „Krasser Typ“, dabei war es wirklich eine frostige Nacht. Das Zwiebelprinzip wird sich im Laufe des Tages bewährt machen. Schon nach dem ersten steilen Aufstieg ist der Fleece-Pulli überflüssig. Die Wanderung führt über einen gut markierten Pfad über steile Berghänge und durch ein bisschen Wald – hin und zurück insgesamt 18km. Über einen Bach hinweg steigen wir langsam höher ins Bergmassiv. Die Stimmung ist gut – das Wetter schlecht. Dichte Wolken verhindern die Sicht auf die Torres. Wir sind enttäuscht, machen uns aber gegenseitig Hoffnung, dass sich das Wetter noch bessern wird. Etwa eine Stunde unterhalb der Torres, da wo die Bewaldung endet und ein riesiges Geröllfeld beginnt, fängt es auch noch leicht an zu schneien. Na toll! Da hilft nichts. Raincover rausholen und weiter. Doch etwa 10 Minuten später, kurz unterhalb der Torres kommt plötzlich Wind auf. Er sorgt dafür, dass sich die Wolken verziehen. Die Sonne lugt hervor und die Wolken geben zum ersten Mal den Blick auf die drei Türme frei. Wow! Ich bin so aufgeregt, dass ich sofort beginne Fotos zu machen. Wer weiß, wie lange sich die Türme unverhüllt zeigen!? Also steige ich etwa 10 Meter einen Geröllhaufen rauf um bessere Fotos machen zu können. Oben angekommen schaue ich überrascht auf einen türkisfarbenen See am Fuße der Türme. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wir hatten uns vorher keine Bilder angeschaut. Ich bin überwältigt und wedel mit den Armen und rufe Marité zu, dass wir uns beeilen müssen. Ich möchte ans Ufer. Wir sind ungeduldig, aufgeregt, wollen die Türme und den See sehen. Noch eine letzte Biegung und dann stehen wir vor dem wohl schönsten Stückchen Stein auf diesem Planeten. Wow. Der See macht seinem Namen Lago Azur alle Ehre! Rund 45 Minuten haben wir, die wir mit einer Stärkung und dem unablässigen Bestaunen der von hier aus noch 2000m hohen Türme, verbringen. Letztes Gruppenfoto und schon geht es bei strahlendem Sonnenschein wieder auf gleichem Weg zurück ins Tal.

Am frühen Abend steht die Sonne schon tief und auf den letzten Metern empfängt uns das Refugio Torre Norte mit einem weiteren traumhaften Anblick. In weiches Licht getaucht liegt das Refugio inmitten einer wunderschönen Gräserlandschaft. In einer windgeschützten Ecke genießt ein Teil unserer Gruppe ein kühles Bier im letzten Sonnenlicht. Den Aufstieg haben sie aufgrund diverser gesundheitlicher Problemchen nicht gewagt. Mit Fotos und Erzählungen von unserem gerade erst erlebten Highlight nehmen wir sie aber nochmals mit zu einem der schönsten Flecken Chiles – den Torres del Paine.

Zwei erlebnisreiche Tage liegen hinter uns. Ein Besuch des Nationalparks ist für jeden Chile-Besucher ein Muss. Ein einzigartiges Naturerlebnis!

Tipps:

  • Im Idealfall und wenn ausreichend Zeit vorhanden ist, läuft man den berühmten W-Wanderweg.
  • Der Perito Moreno ist in ca. 6 Stunden per Bus aus Puerto Natales / Torres del Paine zu erreichen. Selbst wenn es nicht auf eurem Reiseplan steht, so ist ein Abstecher möglich und lohnenswert. Die Organisation übernimmt Werner bestimmt gerne.
  • Proviant für den Park mitnehmen. Vor Ort ist die Qualität eher dürftig und vor allem sehr teuer (24$ für ein Abendessen)
  • Navimag nutzt die Evangelistas nicht mehr für den Personentransport. Man sucht wohl ein Nachfolge-Schiff. Informiert Euch am besten direkt auf den Navimag-Seiten über den aktuellen Stand.

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