veröffentlicht in Europa, Korsika

Beziehungsprobe im Bavella-Tal

„Leichte, mit einigen Sprüngen und Schwimmeinlagen verbundene Flusswanderung, die auch gut für Familien mit Kindern geeignet ist“. Genau so steht es im Wanderführer. Zwar ist die Route schwarz markiert, aber das Piktogramm mit Erwachsenem und Kind gibt uns genügend Sicherheit, die Wanderung durch den Fiumicelli-Fluss im berühmten Bavella-Tal auf Korsika alleine in Angriff nehmen zu wollen. Da dies unsere erste eigenständige Flusswanderung ist, haben wir uns gut vorbereitet – dachten wir zumindest. Neben dem wasserdichten Drybag haben wir uns schon in Deutschland recht feste Wasserschuhe besorgt.

Das Bavella-Tal gehört mit seinen zerklüfteten Bergen und steilen Felsnadeln zu den aufregendsten Landschaften Korsikas. So müssen wir am Morgen erst einmal vom Parkplatz an der Landstraße tief in eine Schlucht steigen. Etliche verrostete Auto-Wracks zeugen von der gefährlichen, aber traumhaften Bergstraße mitten durch Korsika.
Nach einer halben Stunde erreichen wir den Flusslauf und müssen uns entscheiden, ob wir rechts oder links davon weiterlaufen. Wir kramen den Wanderführer hervor: „… dabei nehmen wir den direkten Weg, nämlich den durch den Bach.“

Yeahaaa – Badehose und Wasserschuhe sind schnell ausgepackt, die wichtigen Dinge im Drybag verstaut und auf geht’s! Wir springen von Stein zu Stein oder waten mitten durch den Fluss. Etwas später stehen wir schon hüfthoch im eiskalten Bergwasser. Hin und wieder umsteigen wir Kaskaden. Nach einer Weile ist dies nicht mehr möglich, denn die Felswände links und rechts werden zu steil und sind nicht kletterbar. Wir müssen durch ein tiefes Becken mit glasklarem Wasser schwimmen. Den Drybag schieben wir voraus, den Rucksack halten wir über den Kopf. Im Wasser frieren wir, außerhalb wärmen uns die mittaglichen Sonnenstrahlen. Es ist phänomenal schön hier!

Immer öfter müssen wir lange Gumpen durchschwimmen oder rätseln über den besten Kletterweg. Es dauert nicht lange, und wir erreichen eine Wasserrutsche mitten im Fluss, etwa 4m hoch. Das Wasser rauscht rasant den glatten Fels entlang und mündet sprudelnd in ein tiefschwarzes Wasserloch. Sollen wir etwa hier herunterrutschen?? Nicht wissend welcher spitze Felsen da unten im Wasser wartet? Marité sagt „Klar!“, was nicht anders zu erwarten war. Gefahr ist ihr zweiter Vorname.

Da wir auch den übernächsten Schritt nach dem Wasserloch nicht einschätzen können, schauen wir erst einmal, ob es einen Weg vorbei gibt. Leider sind die Felsen zu steil und die Tritte zu weit auseinander für unsere kurzen Beine. Auch Hilfsmittel wie Baumstämme sind nirgendwo zu finden. Umkehren? Das wäre sehr anstrengend – schließlich sind wir einige Kaskaden gesprungen und ob es einen Weg zu Fuß hinauf gibt ist ungewiss. Marité will rutschen, ich halte sie davon ab! Uns wird kalt. Unsere Stimmen werden lauter. Die hitzige Diskussion ist die erste schwierige Situation auf dieser Reise – generell in unserer Beziehung wie uns schnell bewusst wird.

Wir beschließen, auf das Pärchen zu warten, dass wir vor etwa einer Stunde beim Sonnenbaden auf einem Felsen überholt haben. „Dann sterben wir wenigstens nicht alleine in dieser Wildnis“ trösten wir uns. Wir hören Stimmen. Da kommen sie schon um die letzte Biegung gekraxelt. Die beiden sind aus Österreich und das Klettern wurde Ihnen quasi in die Wiege gelegt. Christoph hält die Wasserrutsche auch für zu gefährlich und sucht einen Kletterweg. Tatsächlich lotst er uns über eine Stelle, die wir als nicht kletterbar empfunden hatten. Blind, da auf dem Bauch liegend, lassen wir uns eine steile Wand hinunterrutschen bis wir einen sehr schmalen Tritt erreichen. Alleine hätten wir uns das nicht getraut.

Die beiden nehmen uns von nun an „an die Hand“, denn das Terrain wird nicht leichter. Ab hier wird entweder geschwommen oder an den Felswänden geklettert. Christoph klettert vor, seine Frau gibt uns Tipps wo wir Füße und Hände setzen sollen. Als Marité in einer Wand gleichzeitig mit linker Hand und linkem Fuß den nächsten Halt sucht, hallt es durch die Schlucht: „Dreiiiiiii Puuuunkte an der Wand!!!“ Christoph hat aufgepasst und bringt uns lauthals elementares Kletterwissen bei!

Auf diese Kletterei waren wir nicht vorbereitet. Unsere Schuhe auch nicht! Denn der rauhe Fels durchscheuert die feste Gummisohle und kurze Zeit später reißen die ersten Nähte an den Zehen. Beim Waten durch das Wasser dringen nun Steinchen und Sand in die Schuhe. Es wird unangenehm.

Dennoch, mit den beiden Österreichern fühlen wir uns sicher. Und mit jeder gemeisterten Herausforderung werden wir stolzer. Nach 6 langen Stunden können wir endlich die Brücke sehen, an der wir aus der Schlucht steigen können. Der Wanderführer gab die Dauer mit 3:15h an. Für Christoph und seine Frau war es eine Selbstverständlichkeit uns in dieser Situation zu helfen. Für uns nicht, denn wir haben beide sehr aufgehalten. Wir konnten uns gar nicht oft genug für diese Hilfe bedanken!

Die letzten Meter kraxeln wir an der Böschung zur Brücke hinauf. Geschafft. Endlich! Was für eine Route! Stolz wie Bolle, dass wir diesen Weg geschafft haben und mit der Erkenntnis, dass wir gemeinsam als Team auch schwierige Situationen meistern können, entsorgen wir unsere kaputten Schuhe noch gleich auf der Brücke. Nun müssen wir nur noch 3 km die Bergstraße hinauf und zurück zum Auto laufen…

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