veröffentlicht in Europa, Frankreich
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Vor über 15 Jahren habe ich zum letzten Mal Sten Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen. Dieses Buch kommt mir plötzlich in den Sinn, da sind wir noch keinen Kilometer mit unserem kleinen Hausboot durch Südfrankreich unterwegs.

Ein bisschen fühle ich mich an Bord der „Arcambal“ wie John Franklin – dem Protagonisten des Romans. Mit dem Unterschied allerdings, dass nicht ich die Geschwindigkeit vorgebe, sondern das Boot. Mehr als 6 Stundenkilometer gibt das 37PS Motörchen der Pénichette nicht her. Das ist gut so, denn man hat alle Hände voll mit „Boot fahren“ zu tun. Anhand der Flusskarten navigiert man um Untiefen, lernt Schifffahrtszeichen, bemüht sich um den Geradeauslauf des Bootes und lässt sich auch von den ersten Schleusenvorgängen nicht abschrecken.

Das ist der Sinn bei dieser Form des Reisens. Vor lauter Arbeit an Bord vergisst man den Alltag in Sekunden. Man taucht ein in eine unbekannte Wasserwelt, genießt die Langsamkeit, die Sonne und die ungewohnte Perspektive auf die Landschaft.

Gestartet in Agen, dümpeln wir vorbei an alten Schleusenwärterhäuschen und erreichen gegen Nachmittag unser erstes Etappenziel. Den Hafen von Buzet-sur-Baïse. Die 30-minütige Einweisung, in der wir das Anlegen des Bootes erfolgreich geübt hatten – es ging immerhin nur eine Tasse zu Bruch – hilft mir hier nicht weiter. Denn der Hafenmeister möchte, dass wir das Boot rückwärts einparken. Halleluja – ohne Franks Hilfe würde ich noch heute fluchen. Frank ist der Kapitän des Nachbar-Bootes und schon oft in diesen Gewässern unterwegs gewesen. Er und seine Frau Francoise laden uns für den Abend auf ihr Boot ein. Den Wein besorgen wir schnell im Ort und gegen 2 Uhr nachts grübeln wir, ob es in Frankreich eine Promillegrenze für Hausboot-Kapitäne gibt. Frankreich-Urlauber sind Genussmenschen!

Wir erfahren auch, dass die meisten Bootsurlauber einen Stopp in Nérac einlegen. Zu Recht, wie wir am nächsten Tag feststellen. Bereits die Ankunft in Nérac ist ein Highlight. Durch die Schleuse neben einem Wehr, dann unter einer sehenswerten Bogenbrücke hindurch, eröffnet sich ein wunderschönes kleines Städtchen. Die Häuser sind aus hellem Sandstein gebaut und bunt bepflanzte Blumenkästen vor den Fenstern begrüßen uns. Südfrankreich wie aus dem Reisekatalog. Traumhaft! Auf dem großen Marktplatz kommen wir zum ersten Mal dazu, unsere Boules auszupacken und zu spielen.

In den nächsten Tagen fahren wir weiter flussauf bis Moncrabeau und machen uns dort auf den Rückweg nach Agen. Unsere Stopps planen wir in den Häfen, die wir auf dem Hinweg links liegen gelassen haben. Eine Ausnahme bildet Nérac. Dort hat es uns so gut gefallen, dass wir eine weitere Nacht dort verbringen möchten.

Die Region Aquitanien, die wir durchfahren, hat auch abseits der Flüsse seine Reize. Da unsere Räder aufs Deck passen, fahren wir nachmittags durch die idyllische Umgebung, suchen uns kleine Gasthöfe für das Abendessen, bunkern Proviant.

Während die Einheimischen eher verschlossen sind – die meisten kennen das bestimmt von ihren Frankreich-Reisen – sind die anderen Boots-Crews sehr gesellig. Es vergeht kein Abend ohne Wein, köstliches Essen und Unterhaltung auf einem der Boote. Spätestens am zweiten Tag wird jedem Hausboot-Kapitän klar: Hier auf einem Fluss in Südfrankreich entdeckt man die Langsamkeit – und den Genuss – unweigerlich.

Keine Frage: uns wird es wieder auf ein Hausboot ziehen. Das nächste Mal vielleicht in Irland.

Tipps:

  • Hier geht’s zur offiziellen Website des tollen Städtchens Nérac !
  • Unser Boot haben wir bei Locaboat gemietet. Auf der Website gibt es noch mehr Bilder, viele Erläuterungen und Routen: Locaboat
  • Die Boote sind wirklich einfach zu steuern. Und in den allermeisten Revieren auch ohne Führerschein zu mieten.

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