veröffentlicht in Chile, Südamerika

Goodbye to an old Lady!

Hannibal und seinen blauen, verbeulten Mitsubishi Bus lernen wir zwei Tage zuvor kennen. Er wettet, dass wir mit unserer Gruppe aus 16 Erwachsenen plus Gepäck und Rucksäcken in seinem winzigen Bus Platz finden werden. Wir zweifeln, mangels Alternative stimmen wir aber zumindest einem Versuch zu. Seine Busfahrer-Kollegen lachen Tränen. So ehrgeizig haben sie Hannibal noch nie das Gepäck und die Passagiere stapeln sehen.

Tatsächlich finden wir alle Platz. Ob wir jemanden vergessen haben, können wir nicht sehen, denn ein Berg aus Rucksäcken versperrt die Sicht nach vorne, hinten und zur Seite. Wir zählen laut durch. Obwohl er so gut wie gar nichts sieht, macht Hannibal seine Sache gut und selten haben wir einen so charmanten Busfahrer erlebt. Ein witziger Höllenritt durch die engen und hügeligen Straßen von Puerto Montt beginnt. Wir müssen die Rücksäcke festhalten, damit sie uns nicht auf den Kopf fallen und scherzen über Hannibal, den Alpenüberquerer mit seinem blauen Elefanten. Als er in Puerto Varas sogar seine Route verlässt und uns direkt zu unserem Hostel fährt, erklären wir den öffentlichen Bus kurzerhand zu unserem Privat-Shuttle. Das bringt uns auf eine Idee: Wir bitten ihn, uns in 2 Tagen wieder zurück nach Puerto Montt zu fahren.

Und siehe da – Hannibal ante Portas! Heute früh steht er pünktlich vor der Tür. Ein öffentlicher Bus, der uns direkt vor der Unterkunft abholt. Obwohl uns die Hafenstadt Puerto Montt keine 30 Minuten später mit ihrer tristen Kulisse empfängt, kommen wir dank Hannibal bester Laune am Hafen an.

Nach der intensiven ersten Hälfte unserer Chile-Reise, in der wir viel erlebt, aber kaum eine Minute zum Ausruhen hatten, werden nun 4 entspannte Tage auf der Fähre folgen. Die „Evangelistas“ wird uns in den Süden Patagoniens bringen. Nach Puerto Natales. Durch das wilde Patagonien gibt es kaum eine Alternative zum Schiff.

Im Internet haben wir schon von einigen Passagieren schlechte Bewertungen gelesen. Die meisten haben erwartet, ein Kreuzfahrtschiff mit allen Annehmlichkeiten vorzufinden. Immerhin deutet der irre Preis der Fahrt darauf hin. Doch die „Evangelistas“ ist kein mondäner Kreuzfahrer, sondern ein liebenswürdiges, altes Frachtschiff, dass durch verschiedene Um- und Einbauten für den Personentransport fit gemacht wurde. Entsprechend spartanisch ist die Ausstattung – der Speisesaal erinnert eher an eine Mensa. Und da wir preisbewusst unterwegs sind, liegen unsere engen Kojen direkt am Gang, den wir uns mit 20-25 Mitreisenden aus aller Welt teilen. Doch das kümmert uns nicht im Geringsten. Im Gegenteil.

Weder der Preis, noch die einfache Ausstattung sollten Kriterien für die Qualität dieser Reise sein. Denn eine Fahrt mit der „Evangelistas“ verspricht mehr – viel mehr! Und dieses Versprechen wird gehalten! Nicht nur, dass uns der Anblick der wunderschönen Fjorde in der Abgeschiedenheit am Ende der Welt überwältigt. Auf der „Evangelistas“ hat man einfach auch die Zeit, dieses Erlebnis zu genießen – stundenlang – während das Schiff brummend durch die Stille der Fjorde gleitet.

Schon kurz nach dem Ablegen, gegen Abend und im Licht der untergehenden Sonne begleiten uns die ersten Wale und blasen Ihre Fontänen in die Luft. Das Wasser ist spiegelglatt und es ist echt warm. Damit hatten wir nicht gerechnet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich fast alle Passagiere an Deck aufhalten, auf dem von der Sonne aufgeheizten Stahlboden sitzen, Bücher lesen, Bier oder Wein trinken, erste Kontakte zu den Mitreisenden knüpfen.

Überhaupt kommen sich die Menschen auf dem kleinen Schiff sehr nahe. Dafür sorgt schon die räumliche Enge, aber auch diese besondere Atmosphäre der Entschleunigung vor der Wow!-Kulisse Patagoniens.

Später werden in unserer Gruppe die ersten nachdenklichen und sehr privaten Gespräche geführt. An der Bar und beim Essen lernen wir interessante Leute aus allen Teilen der Welt kennen. Zum Beispiel die Britin im fortgeschrittenen Alter mit Rastalocken auf Ihrer Reise zu sich selbst. Die junge, exzentrische und aufgedrehte Amerikanerin asiatischer Abstammung. Oder das sehr relaxte französische Pärchen, das mit seinen beiden kleinen Kindern auf Weltreise ist. Wir hören spannende Geschichten.

Während der folgenden Nacht werden wir die schützenden Fjorde verlassen und auf dem offenen Südpazifik die Halbinsel Taitao umfahren müssen. Dabei durchqueren wir den oft sehr rauhen Golfo de Penas, den „Golf der Leiden“. Jihaaa! Um den Andrang an den Toiletten in Grenzen zu halten, wird diese Passage bewusst in der Nacht durchfahren. Vor dieser Passage hat besonders Mirko Respekt. Dank kontinuierlicher Reisetabletten-Ration wird ihm nur ein bisschen flau. Allerdings ist um 4 Uhr morgens wegen der Schaukelei nicht mehr an Schlaf zu denken. 5-lagig angezogen und mit einem heißen Kaffee in der Hand genießt er den einsamen Sonnenaufgang, lässt sich den Wind um die Nase wehen und ist glücklich den Golf überlebt zu haben. Das wird ein wunderbar sonniger Tag!

Langsam werden die ersten an Bord hibbelig. Bewegungsmangel! Man schließt sich zu kleinen Gruppen zusammen und trifft sich an Deck zum Yoga oder misst sich im Bankdrücken. Dazwischen setzt man sich immer wieder mit einem Bier in den Schatten, liest ein Buch, genießt die vorbeiziehende Landschaft. Tiefblaues Meer, sattgrüne Hügel und mittendrin das Rauschen von Wasserfällen. In der Ferne sehen wir die Gletscher des südlichen patagonischen Eisfeldes, des Campo de Hielo Sur.

Wie alle an Bord haben auch wir das erste Mal seit langem Zeit! Viel Zeit! Nachdem die Sonne untergangen ist, wird es an Deck ungemütlich und stockfinster. Die meisten machen es sich an der Bar gemütlich. Den Großteil unserer Reisegruppe zieht es in den Speisesaal. Sie spielen Uno. Und wir beide widmen uns spontan einem kleinen Projekt. Wir schreiben ein Gedicht! Jawohl, richtig gelesen!

Endlich in See stechen, seichtes Wasser – kein Wellenbrechen.

Gesicht in Richtung Sonne richten, gleitende Wale und spielende Seehunde sichten.

Winde wehen um die Nase, enge Kajüte für die müde Phase.

Den tobenden „Golf der Leiden“ überleben, Kaffee schlürfend dem Morgen entgegenstreben.

Fabelhafte Fjorde und bombastische Berge erkunden – auf Deck für viele Sonnenstunden.

Grandiose Gletscher glitzern, dabei patagonische Biere zwitschern.

Den Sonnenuntergang zu Zweit genießen, den Tag mit einem Lächeln abschließen.

Life is good!   M&M

Berühmt werden wir mit unserer Dichtkunst nicht – aber es hat unendlich viel Spaß gemacht!!

Auch der nächste Tag begrüßt uns mit warmen Sonnenstrahlen, so dass wir in Shorts, Flip Flops und mit einer winddichten Jacke auf Deck lümmeln. Das Wetter ist so ungewöhnlich gut, dass der Kapitän einen Umweg in einen Seitenarm zum Témpano Gletscher beschließt. Auch für die Crew ist der Gletscher ein derart seltener Anblick, dass sich alle an Deck versammeln und gemeinsam den imposanten Blick auf die Ausläufer des Eisfeldes genießen.

Trotz des Sightseeing-Abstechers an den Gletscher erreichen wir Puerto Natales nur mit wenigen Stunden Verspätung. Von uns aus hätte die Fahrt noch länger dauern dürfen. Aber Puerto Natales wird der Ausgangspunkt der nächsten Abenteuer werden. Darum sind wir nur ein bisschen traurig, die „Evangelistas“ verlassen zu müssen.

Wirklich traurig aber macht uns die Nachricht, die uns etwa 2 Monate nach unserer Heimkehr aus Südamerika erreicht. Die uns liebgewordene „Evangelistas“ wird ab sofort nicht mehr für den Personentransport genutzt. Wir vermissen das (t)olle, rumpelige Schiff, dass uns durch die Patagonischen Fjorde fuhr und auf dem wir so viele schöne Stunden verbrachten, schon jetzt! Schnief!

Goodbye, alte Lady!

  • Ein paar Impressionen dieser Reise findet Ihr auch in unserem Chile-Video
  • Schaut einfach mal auf der Seite von Navimag, ob es mittlerweile ein Nachfolge-Schiff gibt

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