veröffentlicht in Kanada, Nordamerika
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Tank – der Problembär

Als Mira und ich letzten Dezember unsere Flüge gebucht und uns näher mit der Reise in die Rocky Mountains beschäftigt hatten, wurde uns ziemlich schnell klar, dass zu unserer Sommerferienzeit auch die Kanadier und Amerikaner Ferien haben. Wir sollten uns auf Massentourismus einstellen, sagte man uns. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Also suchten wir uns eine fünftägige Wanderroute im Mount Assiniboine Provincial Park heraus, für die es nur eine begrenzte Anzahl an Permits und Zeltplätzen gibt.

Als wir in Banff ankamen, zerplatzte unser Traum vom „einsamen“ Wandern jedoch schnell. Uns wurde mitgeteilt, dass die Zufahrtsstraße überschwemmt sei und man sich nur per Hubschrauber einfliegen lassen könne, was definitiv unseren Geldbeutel gesprengt hätte. Also mussten wir improvisieren! Wir hatten Glück im Skoki Valley noch drei Nächte auf zwei verschiedenen Zeltplätzen zu ergattern. Worüber wir uns bis jetzt allerdings nicht wirklich Gedanken gemacht hatten, waren die Bären! Da das Skoki Valley nicht als „besonderes“ Bärengebiet ausgeschrieben war, fanden wir den ganzen Hype um die „Bärensprays“ übertrieben. Nachdem wir abends zuvor jedoch einen Grizzlybären fünf Meter neben unserem Shuttlebus an der Straße sahen, beschlich uns ein mulmiges Gefühl. Wir wünschten uns, dass wir uns doch so ein Spray gekauft hätten. Das Plakat zum „richtigen Verhalten“ bei einer Begegnung mit Grizzly- oder Schwarzbären gab uns dann den Rest.

Trotz allem starteten wir morgens im Hostel in Lake Louise – welches uns netterweise noch ein Bärenspray gegen Pfand eines Ausweises verlieh – ausschließlich mit dem nötigsten Gepäck! Der Rucksack war schwerer als die erhofften 10 Kilo. Wir hatten jeder locker 14-16 Kilo auf dem Rücken. Auf geht‘s in unser Abenteuer: vier Tage Wandern in den Rocky Mountains!

Bereits während des Aufstiegs lernten wir Wanderer kennen, die schon häufig in der Gegend unterwegs waren und uns einen Großteil der Bären-Angst nahmen, indem sie uns erzählten, wie wir uns zu verhalten hätten. Man sollte einfach ständig laut sein, immer wieder in die Hände klatschen oder Singen, so dass die Bären einen früh genug hören und sich nicht erschrecken. Ihr könnt euch vorstellen, wie wir von da an gewandert sind.

Die Landschaft entschädigte uns aber für unsere Angst und wir machten oft eine Pause, um alles genießen zu können. Doch so sehr wir uns auch wünschten keinem Bären zu begegnen, bereits am ersten Abend wurden uns die ersten Bärengeschichten des Tages erzählt. Ein Pärchen aus Edminton wurde morgens an ihrem Zeltplatz während des Badens im See von einem Grizzly angeblufft und sie waren froh, dass dieser dann schnell das Weite suchte.

Als wir am nächsten Tag auch noch alleine weiterlaufen mussten und es den ganzen Tag schneite, war uns schon wieder etwas mulmig zumute. Sowohl Mira als auch ich hörten an diesem Tag zwar ein paar Mal Grummeln neben uns im Gebüsch, sagten dem Anderen jedoch nichts davon, um uns nicht gegenseitig zu beunruhigen. Und obwohl alle um uns herum schon Begegnungen mit Bären gehabt zu haben schienen, schafften wir es bis zum dritten Tag, diesen aus dem Weg zu gehen.

Doch dann waren so viele Bären im Skoki Valley unterwegs, dass auch wir an einem vorbei mussten. Eine Gruppe von Reitern, die gerade Pause auf einer Anhöhe machten, warnte uns vor, dass hinter dem nächsten Wäldchen ein Grizzly sei. Da wir natürlich extra laut waren, hörte uns so glücklicherweise auch ein Ranger, der kurz vor uns auf dem Weg unterwegs war. Er kam uns entgegen um uns an dem Bären vorbei zu begleiten. Der Grizzly fraß seelenruhig ca. 30-50 Meter neben unserem Wanderweg und störte sich nicht an uns. Mein Herz klopfte trotzdem ganz schön schnell, vor allem, weil der Ranger sogar seine Pistole gezogen hatte. Am Zeltplatz angekommen, erzählte uns „unser Held“, das dieser Grizzly „Tank“ heißt und ein Problembär sei. Problembär wohl deshalb, weil er auch gerne mal runter ins Dorf läuft und dort nach Fressbarem sucht. Wie beruhigend, vor allem, weil Tank nur einen Kilometer von unserem Platz entfernt fraß.

Während wir unser Zelt aufbauten, hing unser Ranger am Baum neben uns Bären-Warnschilder auf. Und kaum hingen die Schilder, kamen drei Wanderer vom See hoch gelaufen und riefen: „Achtung, da läuft ein Bär 50m entfernt Richtung Zeltplatz hoch“! Was ein Glück, dass der Ranger noch bei uns war und wir ein Bärenspray besaßen, denn seine erste Anweisung an uns alle war:

Bleibt zusammen und holt vorsichtshalber alle euer Bärenspray raus!

Er ist dann mit zwei Männern laut rufend los, um den Bären zu vertreiben. Was anscheinend geklappt hatte, denn der Grizzly wurde nicht mehr gesehen. Trotzdem war es ein komisches Gefühl, als der Ranger fünf Minuten später erklärte, dass er langsam mal weiter müsse.

Für uns stand nach diesem aufregenden Tag fest, dass wir an unserem letzten Tag nicht alleine wandern wollten. Wir konnten uns mit einem amerikanischen Pärchen zusammen auf den Weg zurück nach Lake Louise machen und waren froh, dass wir außer ein paar frischer Bärenspuren mitten auf unserem Weg keinen weiteren Bären sahen. Und auch wenn wir zwischendurch immer wieder ein mulmiges Gefühl beim Wandern hatten, so muss man im Nachhinein sagen, dass es ein tolles und unvergessliches Erlebnis war und wir doch sehr froh sind, Tank begegnet zu sein!

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